Ekoniva: Staatsbank streckt die Fühler aus

Der Agrarkonzern Ekoniva kämpft um sein finanzielles Überleben. Der Streit mit der Rosselkhozbank geht vor Gericht.

Stefan Dürr, der deutsche Musterbauer in Russland, durchlebt gerade harte Tage. Sein Unternehmen Ekoniva galt eigentlich als eine der größten Erfolgsgeschichten in der russischen Landwirtschaft. Der Deutsche, der vor drei Jahrzehnten als Praktikant nach Russland kam, schaffte es zum größten Milchbauern Europas. Doch nun scheint Dürrs Lebenswerk in Gefahr. Offenbar schwelte hinter der glänzenden Fassade seit Längerem ein Streit mit dem wichtigsten Kreditgeber, der staatlichen Rosselkhozbank (RSHB), der nun zum offenen Konflikt geworden ist.

Bislang hat die staatliche RSHB den ambitionierten Expansionskurs von Dürrs Unternehmen mit Krediten finanziert. Nun jedoch wurde bekannt, dass das Finanzinstitut bald selbst zum Eigentümer von Dürrs russischen Tochtergesellschaften werden könnte – für einen Kaufpreis von nur 60.000 €. Möglich macht dies eine Call-Option, die von der RSHB und Ekoniva in den Darlehensbedingungen vereinbart wurde. Die Kredite könnten ihm so zum Verhängnis werden.

Die Call-Option ist an Kreditbedingungen gebunden. „Zu diesen zählen die Gesamtverschuldung der Gruppe und die Verschuldung in Relation zum Geschäftsergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen“, sagt eine Ekoniva-Sprecherin. Offenbar hat die Verschuldung ein Niveau erreicht, ab dem der Gläubiger ein Kaufrecht bekommt. Gleichwohl sei das Handeln der Bank für Ekoniva „völlig überraschend gekommen“.

Tatsächlich hat die RSHB lange zu Ekoniva gehalten. Der Chef der Bank, Boris Listov, pries die Kooperation mit Ekoniva bei öffentlichen Auftritten mit Präsident Wladimir Putin als einen Erfolg. Die Finanzverbindlichkeiten von Ekoniva summierten sich derweil zum Anfang des laufenden Jahres auf 1,3 Mrd. €. Ein Großteil davon entfiel auf Kredite der staatlichen RSHB-Bank, deren Auftrag die Förderung der russischen Landwirtschaft ist. Noch im vergangenen Jahr hatte Dürr den Bau zahlreicher neuer Milchhöfe und Verarbeitungsbetriebe in Aussicht gestellt. Doch bereits im April wurden einige Projekte von Ekoniva auf Eis gelegt, während das Unternehmen 2.000 Mitarbeiter entließ und begann, sich nach Investoren mit Eigenkapital umzuschauen.

Bislang wurde kein passender Kandidat gefunden. In einem Gerichtsverfahren versuchen Dürrs Juristen nun, die Gültigkeit der besagten Call-Optionen anzufechten. Laut Unterlagen des Gerichts vertritt Ekoniva die Position, dass die Bank das Unternehmen einst zur Einwilligung in die Options-Vereinbarung genötigt hat, weil sie anderenfalls die Verlängerung älterer Kredite verweigerte. RSHB wiederum sieht sich im Recht, weil Ekoniva seinen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen könne. Das Hauptverfahren ist auf den 24. August angesetzt, bis dahin genießt Ekoniva Rechtsschutz - Zeit, die das Unternehmen nutzen möchte, um weitere Banken oder Investoren ins Boot zu holen.
„Wir arbeiten alle sehr hart daran“.

Stefan Dürr selbst will sich sein Lebenswerk jedenfalls nicht so einfach wegnehmen lassen. „Wir arbeiten alle sehr hart daran, das zu sichern, was wir in den letzten Jahrzehnten aufgebaut haben“, sagt Dürr im Gespräch mit der agrarzeitung (az). „Wir sind überzeugt, dass wir in unseren Geschäftsfeldern umfangreiche Erfahrungen gesammelt haben - und dass wir ein Team zusammengestellt haben, das fähig und motiviert ist, die Gruppe weiterzuentwickeln und zu optimieren. Auf der anderen Seite sehen wir nicht, dass eine staatliche Bank besser geeignet wäre, unser Geschäft zu führen“.

Die Rettung dürfte jedoch laut Branchenkennern kein einfaches Unterfangen werden. Für die missliche Lage des Unternehmens seien auch Fehler in der Expansionspolitik von Ekoniva verantwortlich.

„Das Unternehmen ist zu schnell gewachsen und expandierte mit investitionsintensiven Projekten in die Milchverarbeitung, wo das Unternehmen weniger Kompetenzen als in der Rohmilchherstellung besaß“, erklärt Marina Petrova von Petrova 5 Consulting. Das habe die Schulden in die Höhe getrieben.

Nun muss der Konzern die Geldgeber überzeugen, dass er sich aus eigener Kraft gesundschrumpfen kann. Gelingt dies nicht, drohe Ekoniva eine Aufspaltung und Verkauf in Teilen. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Unternehmen zumindest die Kontrolle über einen Teil der Aktiva behalten kann, seine Marktführerschaft aber abgeben muss.

Maxim Kireev

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